Die Kunst der Empathie – Gefühle in der kindlichen Welt verstehen

Von Gastautorin Mia Bruckmayer

Kinder sind wahre Gefühlsexperten. Sie erleben und zeigen Emotionen in ihrer reinsten Form, sei es Freude, Liebe, Begeisterung, Angst, Scham und Unsicherheit. Ihre Fähigkeit, Emotionen unmittelbar und unverfälscht auszudrücken, fasziniert und erinnert uns daran, wie wichtig es ist, ihnen Raum zu geben. Doch wie können wir als Eltern unsere Kinder in Momenten unterstützen, in denen sie mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert sind?

Nehmen wir den Schulanfang als Beispiel. Dieser Neuanfang kann von aufregenden Erwartungen und Neugier oder von Unsicherheit und Ängsten begleitet sein. Doch was tun wir, wenn unser Kind Ängste, Unsicherheiten oder Schüchternheit äußert, wie zum Beispiel: “Ich will eigentlich gar nicht in die Schule gehen”?

Eine naheliegende Reaktion wäre, das Kind zu beruhigen und zu sagen: “Mach dir keine Sorgen, das wird schon klappen.” Doch diese Form von Beruhigung verhindert, dass das Kind seine eigenen Gefühle kennen und einschätzen lernt. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Ängste eines Kindes real sind, und sie verschwinden nicht einfach, indem man ihnen sagt, sie seien unbegründet.

Eine viel effektivere Erfahrung für Kinder ist es, die Ängste zu normalisieren. Teile Deinem Kind mit: “Es ist normal, Angst zu haben. Viele Menschen fühlen sich in neuen Situationen unsicher, und das ist in Ordnung. Ich verstehe das, und es ist okay.” Dies zeigt dem Kind, dass es mit seinen Gefühlen akzeptiert wird und dass es lernen kann, mit ihnen umzugehen.

In Beratungsgesprächen gebe ich den Eltern immer mit, dass es auch normal ist, vor dem Unbekannten Angst zu haben. Selbst die Steinzeitmenschen hatten Angst vor dem Unbekannten. Wenn sie sich in ihrer vertrauten Umgebung bewegten, fühlten sie sich sicher, aber in fremden Gebieten waren sie unsicher. Diese natürliche Angst half ihnen, Gefahren zu vermeiden. Ähnlich wie bei unseren Kindern gab es bei den Urmenschen Momente der Unsicherheit, die sie überwinden mussten.

Diese Erklärung hilft übrigens auch Kindern, ihre eigenen Ängste zu akzeptieren und zu verstehen. Sie zeigt ihnen, dass Angst in gewissen Situationen normal ist und dass es Wege gibt, damit umzugehen. Dieser Ansatz nimmt Druck von den Schultern des Kindes und hilft ihm, seine Ängste zu bewältigen. Ebenso gibt es auch zahlreiche Beispiele aus der Natur, warum Angst wirklich Sinn macht. Mit solchen Angeboten sind Kinder gut zu erreichen. Eine Begleitung mit altersgerechten Büchern und Zeichnungen helfen dem Kind, seine Erfahrungen zu verarbeiten.

Natürlich ist es auch wichtig, positive Unterstützung und optimistische Aussichten anzubieten, aber dies sollte in einem geeigneten Moment geschehen, nicht unmittelbar, wenn das Kind mit Angst oder Unsicherheit konfrontiert ist.

Dasselbe gilt, wenn ein Kind sich schämt. Scham ist oft schwer zu erkennen, da sie dazu neigt, im Verborgenen zu bleiben. Statt zu sagen: “Du brauchst dich nicht zu schämen”, können Eltern mitfühlend sein und erklären: “Es ist normal, sich ab und zu zu schämen. Auch Erwachsene fühlen sich manchmal so. Deine Gefühle sind in Ordnung.” Scham dient dazu, unsere Würde und unsere soziale Stellung zu schützen. Wenn Kinder spüren, dass ihre Eltern ihre Scham verstehen und mitfühlen, können sie lernen, damit umzugehen.

Wir Erwachsenen wissen, dass es nie hilfreich ist, jemandem vorzuschreiben, was er fühlen sollte, und nichts anderes ist es bei unseren Kindern. Stattdessen sollten wir Eltern unsere Kinder begleiten, wertvolle Fähigkeiten für ihr Leben zu entwickeln. Dies stärkt die emotionale Kompetenz unserer Kinder und lässt sie sicherer und stärker ihre täglichen Herausforderungen meistern.

 

Über Mia:

Mein Name ist Mia Bruckmayer (39), systemische Individual-, Paar- und Familientherapeutin mit eigener Praxis im Chiemgau. Wie wir werden wer wir sind ist mein berufliches Interesse und mein persönlicher Weg, die Welt und mich besser zu verstehen. In meinen Gastbeiträgen leuchte ich mit der Taschenlampe in das Paar- und Familienleben. Ich teile mit Euch meine familientherapeutischen Einsichten und Erfahrungen aus der eigenen Praxis.

Habt ihr Fragen an Mia? Oder eine Situation, in der sie euch vielleicht helfen könnte? Im Forum könnt ihr eure Anliegen rund um Kommunikation & Krisen in Familie oder Paarbeziehung mit Mia besprechen.

 

Fotocredits: Nik via Unsplash