Sei es dir Wert

Von Gastautorin Jennifer Pritzkow

Die Zeit wird immer schnelllebiger, die to-Do-Listen immer länger und außerdem ist da ja noch der Anspruch immer alles perfekt machen zu “müssen”. Ich setze das in Anführungszeichen, weil niemand außer uns selbst das von uns erwartet. Und dem entgegen steht der stille Wunsch nach Ruhe, mal nicht fremdbestimmt zu sein, alles erledigt zu haben und endlich die Füße hoch legen zu können.

Aber man tut es nicht, es gibt immer etwas zu tun und die Küche sieht einfach nie so aus, wie Instagram es uns glauben machen möchte, zumindest nicht lange. Außerdem kann man sich doch nicht ausruhen bevor alles fertig ist…

So oder so ähnlich sehen die Gedanken von vielen aus. Die Gedanken sind teilweise so unfreundlich, dass ich mich frage, wieso wir zu uns selbst so gemein sind, obwohl wir nicht mal mit unserem schlimmsten Feind so sprechen würden. Zudem ist unser Wortschatz gepflastert mit Zwängen. Allein das Wort “müssen” taucht so oft auf, würden wir es nun ersetzen durch das Wort “dürfen”, fühlten wir uns direkt weniger gezwungen. Versucht es mal!

Am schlimmsten jedoch ist dieses: “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen”.

Hat jemals jemand alles fertig bekommen? Dennoch hält sich dieser kleine fiese Glaubenssatz so hartnäckig, dass wir sämtliche Ressourcen aufbrauchen und dann total müde und gestresst dem Partner, der Partnerin oder sogar dem Kind entgegen treten. Wenn dann auch noch der gemeinsame Abend, für den man alles aufgeräumt hat, um nun entspannt zusammen sitzen zu können, aus *Gründen* im Streit endet, ist die Enttäuschung perfekt.

Setzt *dort* ruhig einen beliebigen Grund ein, denn wenn ihr in einer solchen Situation streitet, dann streitet ihr ohnehin NICHT wegen dieser Sache, sondern weil ihr euch unwohl fühlt.
Es wird nie um den Müll, das vergessene Teil vom Einkauf oder die nicht aufgeräumten Spielsachen gehen, es geht im Grunde darum, dass ihr euch überfordert habt, was euch zusätzlich ärgert. Es geht darum, dass ihr euch nicht gehört und gesehen oder nicht gewertschätzt fühlt und eure Grenzen überschritten wurden, weil ihr euch 24/7 fremdbestimmt fühlt. Ihr seid auf euer Gegenüber also sauer, weil ihr Wertschätzung erwartet, die ihr euch selbst vorenthaltet. Paradox oder?

Ich weiß, wie schwer es ist, ein Umdenken in solche alten Verhaltensmuster und Denkweisen zu bekommen. Unser Hirn ist unfassbar komplex und speichert Dinge gerne ab und automatisiert sie. Das macht das Überschreiben etwas schwer, aber das Gute an einem intelligenten System ist, dass es immer möglich ist, es zu verbessern.

Erkennst du dich wieder und möchtest etwas ändern? Dann fang mit kleinen Schritten an. Gönn dir Pausen!

Das wird am Anfang schwer, aber es ist möglich. Setz dich und trink einen Kaffee, einen Tee, geh duschen und creme dich danach in Ruhe ein, geh spazieren, meditiere oder mache Yoga. Hör ausnahmsweise mal nur auf dich und das was du möchtest. Allein diese selbstbestimmte Handlung wird sich schon so gut anfühlen. Meines Wissens nach gibt es auch keine Spülmaschiene, die beleidigt war, weil sie 30 Minuten später ausgeräumt wurde. Sei es dir selbst wert!

Steh morgens 20 Minuten vor den anderen auf, geh raus, roll die Schultern zurück. Das schafft Weite im Brustraum und atme, genieß die frische Luft und dass dieser Moment nur dir gehört. Diese tiefe Atmung schafft auch Ruhe in akut stressigen Situation, um nicht direkt aus der Haut zu fahren.

So machst du einen Schritt nach dem anderen, jeden Tag ein bisschen und vielleicht möchtest du abends vor dem Schlafen gehen noch eine kleine Dankbarkeitsroutine einführen. Auch an Tagen oder vielleicht gerade an solchen, die besonders stressig waren. Lass den Tag Revue passieren und du wirst merken, es gab so viele schöne Momente. Du wirst mit einem ganz anderen Gefühl einschlafen, als vor dieser Übung.

Es braucht oft gar nicht viel, um Großes zu bewirken. Wichtig ist nur, dass wir bei uns selbst anfangen.

 

Über Jenny:

Jenny ist 35 Jahre alt, Mama einer fast 2-jährigen Tochter und einer fast 11-jährigen Hundedame. Aktuell befindet sie sich in Elternzeit und hat im November 2021 ihr eigenes kleines Handmade-Business “Prinzessin Fröschlein” gestartet.

 

 

Photocredits: Lea Dubedout via Unsplash